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Jennifer Teege liest im BSZ Schorndorf – ein eindringlicher Appell an die Jugend
Es ist ungewohnt still, als am Vormittag des 18.03.2026 die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 1 der Johann-Philipp-Palm-Schule in der Schulbibliothek des BSZ Platz genommen haben. Sie erleben mit, wie die Gästin den Moment beschreibt, als sie mit 38 Jahren durch Zufall in einer Hamburger Bibliothek ein Buch entdeckt, das ihr sie ihr gesamtes Leben hinterfragen lässt und Fragen aufwirft, die bis heute offen bleiben.
Gemeinsam ermöglichen Konrad-Adenauer- und Palm-Stiftung den Besuch von Jennifer Teege, die die ersten Kapitel aus ihrem Buch „Amon, mein Großvater, hätte mich erschossen“ vorliest und danach mit den Jugendlichen darüber spricht, wie es ist, die Enkelin eines KZ-Kommandanten zu sein.
Als Kind der Tochter Amon Göths und einem nigerianischen Vater wird sie kurz nach ihrer Geburt in ein Kinderheim gegeben und als Kind von Pflegeeltern adoptiert. Sie wächst in einer „ganz normalen“ Familie auf, hat eine Zeit lang Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter und Großmutter. Doch in ihr ist ständig dieses Gefühl, dass etwas falsch mit ihr sei. Da sei eine Traurigkeit gewesen, die keine Seelsorge, keine Therapie zu lindern vermochte. Erst die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunftsfamilie und mit dem Grauen, das ihr Großvater über so viele Menschen brachte, veränderte diese Traurigkeit und schaffte Raum für etwas Neues.
Im Dialog mit den Schülerinnen und Schülern werden viele Fragen gestellt, das Interesse nach Teeges Umgang mit dem Aufdecken des Familiengeheimnisses ist groß: „Wie haben Ihre (jüdischen) Freunde auf Ihre Entdeckung reagiert?“ – Teege hat in Israel studiert, spricht fließend hebräisch und hält bis heute engen Kontakt mit Freunden und Bekannten. Dass sie eine Nachkommin des Mannes ist, der so viele Juden im Konzentrationslager ermorden ließ, ist für sie schwer zu ertragen: Wie geht man damit um, wenn man weiß, dass der eigene Großvater verantwortlich für das Leiden und Sterben der Verwandten lieber Freunde ist?
Doch auch die erste Begegnung als Erwachsene mit ihrem leiblichen Vater interessiert die Jugendlichen und ob es irgendwann einen Moment gegeben habe, der Teege geholfen habe, mit der Thematik ein Stück weit abzuschließen. Ob es Fragen gebe, die Sie bis heute nicht beantworten könne und wie sie sich ihr Leben vorstelle, hätte sie diese Vergangenheit nicht aufgearbeitet.
Teege, die betont, sie wolle mit den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe sprechen, erklärt, die große Frage, die sie sich immer wieder stelle, sei: Wie können Menschen das tun, sich so vernichten? Ein Erklärungsansatz stelle für sie die Obrigkeitshörigkeit der Menschen dar – und gerade deshalb sei das eigene Wertesystem so wichtig: „Ihr habt es in der Hand!“
Die Dinge im Privaten seien genauso in der Politik: Es gehe darum, in Gemeinschaft miteinander zu leben und aufeinander zu achten, statt den anderen zu unterdrücken. Das Ziel müsse immer sein, eine „win-win-Situation“ zu erreichen und niemanden auszuboten. Allerdings habe jede*r auch das Recht und die Pflicht, das persönliche Glück zu suchen. Denn nur wer selbst Zufriedenheit mit sich und Glück in seinem Leben verspüre, könne das auch weitergeben.
Die Politik und Menschen, die Führungsverantwortung trügen, hätten aber die Aufgabe, die „ersten Diener des Volkes“ zu sein, Vorbilder, zu denen man aufschauen könne – und solche sehe sie momentan in der Welt selten. Deshalb ermutigt sie die Jugendlichen: „Fangt im Kleinen an. Ihr könnt nicht von heute auf morgen alles verändern. Aber fangt damit an, wie ihr eure Beziehungen lebt. Und vergesst nicht: Es gibt so unfassbar viel Gutes da draußen.“